Die Fußball-Europameisterschaft ante portas

Mehr Wettbewerb für die internationalen Sportverbände und ihr „Kernprodukt"!

Prof. Dr. Frank Daumann zur externen Einflussnahme auf Ligen

Gegenwärtig steht bei der Fußball-Europameisterschaft weniger die sportliche Berichterstattung, sondern vielmehr die Vergabepolitik durch die UEFA an die Ukraine (und Polen) im Vordergrund. Insbesondere die Behandlung der Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko hat zahlreiche Politiker veranlasst, entsprechende Reaktionen und dabei u. a. auch einen sportlichen Boykott oder eine Verlegung der EM nach Deutschland oder Österreich zu fordern.

Bei der UEFA (oder der FIFA) handelt es sich um einen internationalen Verband, der im Sinne einer external governance Einfluss auf Ligen bzw. Sportsysteme ausübt. Derartige internationale Verbände existieren in einem Großteil der Sportarten – zum Beispiel im Basketball (FIBA), im Baseball (IBAD) oder im Eishockey (IIH); auffällig dabei ist jedoch, dass der Einfluss dieser internationalen Verbände auf die Ligen unterschiedlich stark ausfällt.

Von mancher Seite wird diese Form der externen Einflussnahme wohlwollend gesehen, da sich über eine derartige externe Kontrollinstanzen zum einen die Interessen der Club-Eigentümer und zum anderen auch die Wünsche des Amateursports gegenüber der Liga besser vertreten lassen. So gibt es auch Vorschläge, die Formen der externen Kontrolle auszuweiten oder gar staatliche Instanzen damit zu beauftragen.

Im Folgenden soll daher diskutiert werden, warum die Einflussmöglichkeiten der Sportverbände in den einzelnen Sportarten sehr stark unterscheiden und ob hierbei ein staatlicher Handlungsbedarf diagnostiziert werden kann.

In den Teamsportarten müssen einige konstitutive Entscheidungen über eine Ligastruktur getroffen werden. Dazu gehören u. a. die Ausgestaltung

  1. des Wettkampfformats (Ermittlung des Champions),

  2. der Einbindung in das Ligensystem (Hierarchiebeziehung zwischen Ligen besserer und schlechterer Qualität und Anzahl der Ligen mit gleichem Hierarchieniveau),

  3. der Mitgliedschaftsanforderungen (Bedingungen bezüglich des Ligaeintritts),

  4. der Finanzverfassung und

  5. der Lenkungsstrukturen – Governance (Methoden zur Entscheidung und Durchsetzung von Ligaregel).

Internationale Sportverbände versuchen in der Realität, in nahezu alle konstitutiven Entscheidungen einzugreifen. So erstellen sie nicht nur das sportliche Regelwerk, sondern geben auch Regeln über die Qualifikation von Spielern und deren Verhalten (Dopingmissbrauch) und organisatorische Regeln bezüglich Ligen und Teams (Format, Einbindung ins Ligen-System und Mitgliedschaftsanforderungen) vor. In manchen Sportarten setzen sich die internationalen Verbände damit durch; in anderen haben sie dabei wenig Erfolg. Beispielsweise weichen die Regeln der NBA von denen des internationalen Basketballverbands (FIBA) erheblich ab. Hingegen folgen nationale Verbände den Reglementierungen, die durch die FIFA festgelegt werden, nahezu vollständig.

Die Möglichkeiten der Einflussnahme eines internationalen Verbandes auf die professionellen Ligen hängen von dessen Marktmacht ab, die wiederum durch die folgenden Faktoren determiniert wird:

  • die Anzahl der Spiele, die Clubs unterschiedlicher Ligen miteinander austragen,
  • das Ausmaß in dem Spieler zwischen Clubs unterschiedlicher Ligen wechseln und
  • die Bewertung internationaler Wettbewerbe.

So wird eine Fußball-WM (oder -EM) – gemessen an den Zuschauerzahlen und den erzielten Einnahmen – höher bewertet als bspw. eine Basketball-WM. Ebenso besteht im Fußball ein großer Austausch zwischen den Ligen, sei es in Form einer hohen Anzahl der untereinander ausgetragenen Wettbewerbe oder sei es in Form eines sehr ausgeprägten internationalen Spieleraustausches. Insofern dürfte die Marktmacht der FIFA und der UEFA als groß und die der FIBA als geringer anzusehen sein.

Diese Marktmacht werden die internationalen Verbände einsetzen, um ihr „Kernprodukt“ – die Weltmeisterschaft (oder die Europameisterschaft) abzusichern, indem die Entfaltungsmöglichkeiten von Substitutionsgütern (im Fußball etwa der Champions League) und damit der Wettbewerb eingeschränkt werden.

Die Monopolstellung führt dazu, dass zum einen das Angebot an Unterhaltungsdienstleistungen in der betreffenden Sportart auf internationaler Ebene eingeschränkt wird und dass zum anderen eine Umlenkung des Einkommens weg von den Clubs hin zum Verband stattfindet. Im Falle des Fußballs bedeutet dies, dass bei einem Aufbrechen der Monopolstellung der FIFA bzw. der UEFA internationale Wettkampfformate zunehmen würden und die Einnahmensituation der Proficlubs sich erheblich verbessern dürfte.

Vor diesem Hintergrund scheint ein staatlicher Handlungsbedarf, also die Anwendung des wettbewerblichen Instrumentariums, indiziert. So sollte durch geeignete Maßnahmen der Markt für internationale Wettbewerbe geöffnet werden. Eine derartige Maßnahme könnte bspw. das Verbot sein, Spieler oder Clubs durch den internationalen Verband zu sperren, wenn diese an Konkurrenzveranstaltungen teilnehmen. Zudem sollten die Privilegien, die Nationalstaaten manchen internationalen Verbänden einräumen (Steuerprivilegien, Übernahme von Kosten, Bereitstellung der Infrastruktur, Übernahme der Sicherheitsdienstleistungen etc.) beseitigt werden.

Zunehmender Wettbewerb in diesem Bereich hat freilich auch Folgen, die von manchen als negativ betrachtet werden dürften. So wird bspw. die Alleinstellung eines internationalen Wettbewerbs – also etwa der Europameisterschaft – beeinträchtigt und der dabei verliehene Titel relativ abgewertet. Zudem verwenden die internationalen Verbände finanzielle Mittel, um den Amateurbereich zu fördern und die Sportart auf den „weißen Flecken“ des Erdballs zu etablieren. Eine Aushöhlung der Monopolstellung der internationalen Sportverbände würde zwangsläufig dazu führen, dass diese Aufgaben in einem geringeren Umfang wahrgenommen würden. Ob dies allerdings als Rechtfertigungsgrund gelten kann, ist mehr als fragwürdig, zumal es sich doch beim Amateurbereich weitgehend um eine Freizeitbeschäftigung mit relativ geringen positiven externen Effekten handelt und die Verbreitung einer Sportart vergleichbar ist mit jedem anderen Produkt: Wenn der Nachfrager entsprechende Präferenzen aufweist, dann fragt er diese nach, ansonsten eben nicht.

Literatur:

Daumann, F. (2011): Ökonomische Grundlagen der Sportökonomie. UKV Verlagsgesellschaft mbH, München/ Konstanz.

Noll, R. G. (2003): The Organization of Sports Leagues. Discussion Paper, Stanford Institute for Economic Policy Research, Stanford University.

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